Roggenmehl statt Shampoo | Wie funktioniert No Poo?

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Ich fühle mich ein bisschen so, als würde ich Brot auf meinem Kopf backen.

“No Poo” steht für “No Shampoo”. Es gibt inzwischen verschiedene Methoden Haare ohne konventionelles Shampoo zu waschen - aber funktioniert das überhaupt? Wir testen hier die Roggenmehl-Methode, in Theorie UND Praxis!

No Poo - Haare waschen ohne Shampoo, funktioniert das überhaupt?

Hallo, Freunde der Sonne, ich bin's wieder, Mai, eure Chemikerin des Vertrauens. Heute mit dabei: Monster-Pickel. Sieht man die? Ich drehe mich einfach ein. Ich heiße euch willkommen zu einer Folge: Nicht-Chemie chemisch erklärt, oder so. Ich meine, wollt ihr in eurem Alltag Chemie reduzieren, dann weiß ich zwar, was ihr meint...

# Ja, ich weiß, was du meinst ...nur dürft ihr nicht immer alles Schlechte als Chemie und alles Gute als natürlich verstehen. # Denn Darling, alles ist Chemie

Deswegen möchte heut was typisch "Nicht-Chemisches", No Poo, nehmen und es chemisch erklären. No Poo oder No Shampoo ist der Verzicht auf konventionelle Shampoos.

Roggenmehl statt Shampoo | Wie funktioniert No Poo?

Ich erzähle euch kurz, wie es dazu kam. Denn die Hintergrundgeschichte ist auch erzählenswert. Während unserer "MaiLab"-Sommerpause habe ich ein Selbst-Experiment für "Quarks" gedreht. Ich wollte Plastik in einem Haushalt reduzieren. Unter anderem wollte ich mein Shampoo durch eine plastikfreie Alternative ersetzen und kam dabei auf diese Haarseife aus dem Unverpackt-Laden. Die Umstellung fand ich relativ unproblematisch, aber es geht deutlich spektakulärer.

Darf ich vorstellen: Shia, Autorin, Bloggerin und eine Zero-Waste-Queen.

Am 1. Tag meines "Quarks"-Experiments besuchte sie mich zu Hause, um sich mein Plastik-Desaster anzuschauen und mir ein paar Start-Tipps zu geben. Denn Shia und ihr Mann sind absolute Pros darin, Müll zu vermeiden. - Etwas nicht so Leckeres: Das ist der Müll von 7 Monaten. Müll, der wahrscheinlich nicht recycelbar ist. Von 2 Personen.

Wenn ihr das schon beeindruckend findet, Freunde, hört euch an, wie Shia sich seit Jahren die Haare wäscht. Ich habe mir gut 3,5 Jahre lang meine Haare nur noch mit Roggenmehl gewaschen. Falls ihr euch schon länger mit No Poo befasst, ist die Roggenmehl-Methode vielleicht nichts Neues für euch, aber für mich als 0815-Chemikerin war das schon...

Der Gedanke früher, den fand ich so ekelhaft. Ich fand es so ekelhaft, mir Mehl anzumischen. Weil ich wusste, meine Mutter macht Sauerteig. Und Roggenmehl und Wasser war ihr Sauerteigansatz. Ich dachte, oh mein Gott, sowas schmiere ich mir ins Haar. Ich habe es eigentlich gemacht, fast wie so ein Dare, eine kleine Herausforderung für mich, dass ich mich selber überwinde und Sachen außerhalb meiner Comfort Zone mache.

Ich hab das wirklich gemacht und war ziemlich begeistert. Ich gebe zu, wenn ich nicht live aus der Nähe mit meinen eigenen Augen gesehen hätte, wie schön Shias Haare sind, wäre dieses Video wohl nie entstanden. Also habe ich mir Saadet geschnappt. Saadet kennt ihr entweder von "reporter", wo sie vor vollem Körpereinsatz nicht zurückschreckt, oder von "MaiLab".

Hier ist sie unter anderem selbsternannter...- ...Depp für die Wissenschaft.

Ich war etwas misstrauisch, als Mai mich anrief. Mai hat angerufen und möchte gerne probieren, wie es ist, wenn man sich 10 Tage die Haare ohne Shampoo wäscht, hat aber natürlich keinen Bock, es selber zu machen. Deshalb muss das Versuchskaninchen herhalten aka me. Hab's aber trotzdem gemacht, für die Wissenschaft.

Depp für die Wissenschaft.

Eine Sache ist noch ganz wichtig: kein Vollkorn-Roggenmehl nehmen.

Oh nein! * Alarm * Die Schalen des vollen Korns enthalten viele Ballaststoffe, die sich nur sehr schwer rauswaschen lassen. Ich habe das ein paar mal probiert und ich krieg das nicht rausgewaschen. Man sieht danach aus, als hätte man ganz schlimme Schuppen. Ich habe das schlechte Gefühl, dass meine Kopfhaut juckt. Saadet kümmert sich also um die Praxis, ich um die Theorie. Juhu.

Ich bin für die Arbeitsteilung ganz dankbar, aber es gibt zu Roggenmehl-"Shampoo" keinerlei wissenschaftliche Literatur. Aber was ich machen kann, sind "educated guesses". Ich kann also aus Sicht einer Chemikerin schauen, was logisch ist.

Unter diesem Disclamer gehen wir zur 1. Frage:

Was ist in Roggenmehl drin, das eine reinigende Wirkung haben könnte?

Bei konventionellen Shampoos oder auch meiner unverpackten Haarseife dreht sich alles nur um eins: um Tenside. Zu Tensiden habe ich schon einige Videos gemacht, verlinke ich euch alles.

Kurz: Tenside bilden "Bizellen", die Fett, Talg und Schmutz einschließen. So kann das Ganze mit dem Wasser weggespült werden. Ohne Tenside gibt es nicht genügend Interaktion zwischen dem Schmutz, Fett und Wasser.

Stellt euch vor, auf molekularer Ebene haben die Wassermoleküle keine Möglichkeit, den Schmutz oder das Fett zu greifen und mitzuziehen. Neben den Seifen, die man herstellt, gibt es auch natürlich vorkommende Tenside, in der indischen Waschnuss, der Rosskastanie und in Efeu sind z.B. Saponine enthalten, die man, genauso wie Seifen auch, für's Waschen verwenden kann. In Roggenmehl sind aber keine Saponine oder anderen Tensid-artige Moleküle drin. Wir haben also kein Tensid. Und trotzdem funktioniert es irgendwie. Ich muss gestehen, langsam vertrau ich dem Ganzen irgendwie.

Darf ich die mal kurz anfassen?

Ich mein, ich wasch meine Haare immer abends. Jetzt ist quasi der 2. Morgen, nachdem ich sie das letzte Mal gewaschen hab, und sie sehen voll normal aus.

Sie stehen ab wie immer, das können sie gut, aber sie sehen aus wie mit normalem Shampoo. Ich weiß nicht, wie sich deine Haare sonst anfühlen, aber fühlt sich gut an. - Ja, etwas trocken in den Spitzen, aber sie sehen nicht anders aus als sonst. Verstrubbelt wie immer.

Roggenmehl besteht zu 73% aus Kohlenhydraten, genauer gesagt aus Stärke. Und Stärke hat eine praktische Eigenschaft für die Haarpflege:

Nämlich: Sie absorbiert Fett.

Deshalb wird Stärke auch in Trockenshampoos eingesetzt. Zudem hat Stärke noch eine wichtige Eigenschaft: Sie lässt sich mit Wasser mischen.

Sie löst sich zwar nicht wie Salz oder Zucker, aber im Gegensatz zu Öl lässt sie sich wenigstens verteilen. Das liegt am molekularen Aufbau des Stärke-Moleküls. Alle diese OH-Gruppen, OH versteht sich immer super mit H2O, dem Wasser-Molekül. Stellt es euch so vor, als könnten die Wasser-Moleküle sich an diesen OH-Gruppen, an dem Stärke-Molekül festhalten und andersrum. Wasserstoffbrücken-Bindungen sagt man dazu.

Meine Theorie also: Stärke absorbiert Fett und Schmutz. Das Ganze wird Dank Wasserstoffbrückenbindungen vom Wasser weggewaschen.

Aber warum muss man Roggenmehl nehmen?

Warum nimmt man nicht reine Stärke?

Ich nehme an, das ist alles eine Frage der "Rheologie". Zu rheologischen Eigenschaften eines Materials gehören Dinge wie Verformbarkeit oder Fließverhalten. Mischungen aus Stärke und Wasser sind eines der beliebtesten Vorführ-Experimente. Handelt man die Mischung langsam und vorsichtig, ist sie relativ dünnflüssig. Übt man aber mit schnellen Bewegungen Druck aus, erstarrt die Mischung.

Das ist zwar cool, aber fürs Haarewaschen unpraktisch. Entweder würde die Sauce überall hinlaufen oder es würde beim Einmassieren lokal fest werden. Mehl enthält neben Stärke auch noch Proteine und Ballaststoffe, die verhindern, dass das Phänomen auftritt. Mai, was ich nicht alles tue für dich.

Gut, aber warum Roggenmehl? Warum nicht Weizenmehl?

Roggenmehl statt Shampoo
Roggenmehl statt Shampoo

Das hat ja fast jeder, Roggenmehl ist eher seltener. Auch das erkläre ich mit Rheologie. Weizenmehl enthält Gluten, was ich hier schon mal erklärt hat: Gluten setzt sich zusammen aus 2 Proteinklassen, den Gliadinen und den Gluteninen, die erst zusammenfinden, wenn man Wasser hinzugibt und sich dann verbinden und eine Art Kleber bilden. Deswegen nennt man Gluten auch das Kleber-Protein. Es hält den Teig zusammen und sorgt in Weißbrot für die schöne Chewiness.

Roggenmehl enthält kein Gluten, dafür mehr von "Pentosanen". Pentosane sind Schleimstoffe. Sie binden Wasser und sorgen auch für einen gewissen Klebe-Effekt. Durch die unterschiedlichen Klebestoffe haben Weizenmehl und Roggenmehl auch verschiedene rheologische Eigenschaften, wenn man sie mit Wasser mischt.

Weizen-Teig, also Weizen und Wasser, ist viskoelastisch. Das bedeutet: Wenn man den Teig dehnt, zieht er sich wieder in seine ursprüngliche Form zurück. Roggenteig, also Roggen mit Wasser, ist plastisch. Wenn man den Teig dehnt oder verformt, bleibt er so.

Das bedeutet: Roggenmehl-Teig lässt sich leichter auf dem Kopf verteilen als Weizenmehl-Teig. Jetzt muss es quasi wie ganz normales Shampoo reingerieben werden.

Also es ist wirklich sehr ungewohnt. Es sieht merkwürdig aus. Es ist irgendwie eine graue Masse, die du vorher anrührst. Und es fühlt sich auch wirklich komisch an, wenn du es in die Haare machst. Es hat sich so trocken angefühlt und auch irgendwie mehlig und teigig. Natürlich, du machst ja Mehl in deine Haare. Ich fühle mich ein bisschen so, als würde ich Brot auf meinem Kopf backen.

Wer sich noch etwas gönnen möchte, kann seine Hand anschließend einer sauren Rinse unterziehen. Ein Esslöffel Apfelessig, 300-500 ml Wasser.
So eine Mischung hat einen pH-Wert um die 5. Das ist im selben Bereich wie der pH-Wert unserer Haut und Kopfhaut, insofern alles gut.

Ich versuch mein Gesicht zu schonen. Ich bin ne Essiggurke. Naja, so schlimm ist es nicht, nur ein leichter Nachgeschmack. Ich könnte mir vorstellen, dass der Weichmach-Effekt was damit zu tun hat, dass ein tieferer pH-Wert Kalk-Ablagerungen auflöst. Das kennen wir auch vom Kalkreiniger. Auch der ist leicht sauer. Kaum hatte ich den es sich in den Haaren, waren sie viel weicher. Da war ich schon ein bisschen positiver gestimmt.

Nach dem Duschen, die riechen auch jetzt schon gar nicht mehr nach Essig. Ich hatte wirklich große Sorge, dass es jemand merkt. Ich musste direkt arbeiten gehen am Tag danach und saß 3 Tage in einem kleinen Raum mit em Team zusammen. Ich dachte mir: Boah, wenn ich jetzt nach Essig stinke, fliege ich hochkant raus. Aber es ist niemandem aufgefallen.

Ne Kollegin hat mich sogar nach 'ner Woche gefragt: Wann fängst du dein Haar-Experiment an? Ich so: Bin fast fertig. - Gutes Zeichen. - Ja. Es ist, glaube ich, niemandem aufgefallen. Sie riechen nicht mehr so schön nach Shampoo. Es riecht eigentlich noch nichts. Es riecht sehr neutral. Ich mag eigentlich diesen Shampoo-Geruch. Das ist blöd. - Aber die riechen ja auch nicht schlecht. - Ne. Willst du mal riechen? - Ne. - Tu dir keinen Zwang an, Mai.

Man muss davon ausgehen, dass ein konventionelles Shampoo mit Tensiden Schmutz und Teig deutlich gründlicher entfernt als ein Roggenmehl-Shampoo. Allerdings wird der Talg nicht zum Spaß produziert für unsere Haut, sondern zum Schutz. Auch Dermatologen raten davon ab,
täglich mit Seife zu duschen oder sich die Haare zu waschen. Nur die Hände sollte man sich regelmäßig und gründlich mit Seife waschen. Roggenmehl-Shampoo funktioniert und macht in der Theorie auch Sinn.

Als Fazit kann man festhalten:

Jeder, der Probleme mit der Kopfhaut hat oder weniger Plastik verbrauchen möchte, kann das ausprobieren. Es ist nicht schlimm, auch wenn es sich schlimm anhört. Ich bin ne Essiggurke.

  • Nur: Was mit dem Roggenmehl in der Abflussleitung genau passiert, das bleibt 'ne offene Frage.
  • Aber: Falls ihr Erfahrungen mit No Poo habt, auch andere, schreibt sie in die Kommentare.

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